Die Penispeitsche unter den Poeten

Kolumne über die nichtswürdige Kolumnenleserei und über den Einfluss derselben auf die Verminderung des öffentlichen und privaten Glücks, nebst einigen Ausschweifungen, betreffend Klaus

Ich warne Sie. Das, was Sie gerade treiben, ist gefährlich. Und sagen Sie nicht, dass Sie gar nichts tun, außer diese Kolumne zu lesen. Denn genau das ist das Problem: Sie lesen.

Sie lesen, und neben einer solchen Tätigkeit nimmt sich die alltägliche Counterstrike-Zockerei vieler Jugendlicher extrem harmlos aus. So harmlos wie ein süßer kleiner Yorkshire-Terrier mit rotem Haarschleifchen neben einem beiß- und mordwütigen Pitbull.

Bayerns Innenminister Günther Beckstein mag recht haben, wenn er den inneren Frieden unseres Landes durch Computerspiele bedroht sieht, doch weitaus größere Gefahren für die Bundesrepublik Deutschland gehen von einem ganz anderen Sicherheitsrisiko aus: ungezügelter Lektüre.

Wenn man bedenkt, daß Sittenlosigkeit, Spott über ernsthafte Gegenstände, Leichtsinn, der alles zu unternehmen im Stande ist, Religions=Verachtung und thierische Triebe der Wollust in unsern neu aufblühenden Geschlechtern durch die Romanenlektür ausserordentlich verbreitet worden , so ist vielleicht schon alles zu spät.

Dabei war die Situation im Jahr 1795, aus dem diese schonungslose Analyse der Lage der lesenden Landbevölkerung stammt, noch deutlich hoffnungsvoller als heute, wo es keineswegs mehr nur die Romane sind, die das stärkste Gifte gegen Staatenglück und Bürgerruhe enthalten.

Im Gegenteil: Zu der epidemieartigen Ausbreitung der jetzigen abentheuerlichen Lesesucht tragen die vermeintlich unbedenklichen kleinen Formen der Literatur in noch höherem Maße bei als die großen. Kolumnen, Glossen und Essays sind nichts anderes als - Einstiegsdrogen.

Mir sind junge Frauen bekannt, die, einst sehr hoffnungsvolle Wesen, durch die regelmäßige Lektüre der Beiträge von Tobias Kaufmann und Magdi Aboul-Kheir vom rechten Weg abkamen. Heute wohnen sie in Braunschweig zur Miete und lesen Sartre und Gottfried Benn.

Begabte junge Männer kosteten einmal kurz vom süßen Gift der Meike Juhl - dann waren sie fürs praktische Leben verloren und begannen, sich mit hochmittelalterlicher Liebeslyrik auseinanderzusetzen.

Gelegentlich genesen an der Lesesucht Erkrankte durch die gezielte Gabe Günter-Grass'scher Gedichte gänzlich. Aber alles allenfalls alliterative Ausnahmen! Groß hingegen ist die Zahl der Opfer, bei denen sich der Gesundheitszustand unaufhaltsam verschlechtert: Die Lesesucht artet aus, sie wird zur Allgemeinen Schreibwut.

Wer an dieser erkrankt, ist verlohren - ohne Rettung verlohren und zeigt unüberwindliche Trägheit, Eckel und Widerwillen gegen jede reelle Arbeit - gegen Alles, was auch nur die kleinste Anstrengung fordert.

Er schreibt plötzlich, mitten in einer um Seriosität bemühten Kolumne, Passagen, die seltsam fahrig wirken, andersartig, wirr; dergestalt, dass in diesen Passagen altertümliche Wendungen auftauchen, bei deren Lektüre sich der germanistisch vorgebildete Leser an seine Thomas-Mann-Lektüre erinnert fühlt; oder gar an Kleist.

Es sind Textpassagen, die scheinbar sinnfreie Beleidigungen einer gewissen dicken Person enthalten. Sowie einen aus jedem Zusammenhang gerissenen, diskreten Verweis auf die Situationistische Internationale.

In diesen Textpassagen geht es - und sei es auf den dritten Blick - um vielerlei: unkreative Direktoren, Sudoku, Kulturtrullas. Auch um Guy Debord.

Aber zwischen den Zeilen dieser Passagen steht im Grunde nur eins: dass der dicke Klaus hässlich ist. Hässlich und selbstgefällig. Hässlich, dick und selbstgefällig. Schäm dich, dicker, hässlicher, selbstgefälliger Klaus!

Ich hoffe, Sie sehen es jetzt ein: Die Lesesucht birgt enorme Gefahren für das Gemeinwesen. Deshalb fordere ich, dass ab dem nächsten Jahr über allen Kolumnen auf kolumnen.de ein unübersehbarer Warnhinweis steht. Mit folgendem Wortlaut: "Die Lektüre dieses Textes kann übel enden. Sie führt unter anderem zu Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfungen in den Eingeweiden, mit einem Worte Hypochondrie, die bekanntermaaßen bey beyden, namentlich bey dem weiblichen Geschlecht, recht eigentlich auf die Geschlechtstheile wirkt."

 

(zuerst veröffentlicht im Internetmagazin kolumnen.de)